Es geschah in Homs

Leute rennen. Manche fallen auf den Boden. Nach fünf Minuten hört man gar nichts mehr. Als ob gerade nichts passiert wäre. Als ob dieser Ort gerade nicht eine der größten Katastrophen in seiner Geschichte erlebt hätte, deren Folgen weitere schlimmere Katastrophen sind – Katastrophen, die den Boden für das Begraben dieses rechten Aufstandes nähren. Diese Stadt wird später zu einer Legende und zur Hochburg und Hauptstadt der Revolution, wie man sie später nennt. Man hätte sich so etwas gar nicht vorstellen können. Weswegen nur? Warum werden wir jetzt angeschossen?

Alles war friedlich. Wir hatten nur Schilder in den Händen. Darauf standen unsere Träume in Fettdruck, Phrasen, die niemandem schaden – über Freiheit, Solidarität der syrischen Bevölkerung und Gerechtigkeit für alle. Genau die Parolen der bei uns im Land alleinregierenden Partei.

Wir hatten versucht, den Zusammenhalt und die Sympathie der Soldaten und Polizisten zu gewinnen. Wir riefen: „Wir sind alle Brüder und wir sind friedlich!“ Anscheinend war das Problem ein Identitätsproblem von Anfang an, was wir nicht erkannt haben.

Die Angst vor dem Angriff der Streitkräfte war immer da. Wir wussten also, dass sie möglicherweise auch ihre Waffen einsetzen würden, wenn sie den Befehl bekommen, aber Hoffnung hatten wir bis diesen Zeitpunkt immer noch.

Angst ist aufgestiegen, als die Soldaten uns bedroht haben, uns anzuschießen, falls wir nicht einfach nach Hause gehen. Die Mehrheit demonstrierender Menschen hat einen blutrünstigen Angriff nicht ausgeschlossen, während manche Leute immer noch glaubten, dass diese Aufrufe nichts als Drohungen sind – leere Floskeln eben, ohne einen tatsächlichen Willen dahinter, uns anzuschießen.

Ich habe es geschafft, wegzurennen, aber den Freund, der mich zur Demonstration mitgenommen hat, habe ich verloren.

Ich versuche ihn anzurufen. Er geht nicht dran.

Er hatte mir so viel über die Gefühle, die man bei einer Demonstration bekommt, erzählt: „Du fühlst dich einfach frei, als ob du alle Fesseln, die deine Hände die ganze Zeit aneinandergebunden hatten, zerstört hast. Als ob du gegen die ganze Welt aufstehst. Später habe ich erkannt, dass dieses Regime nicht mehr ist als ein Miniaturmodell unserer Welt ist – eine sehr egoistische, betrügerische und heuchlerische Welt. Du schreist. Du sagst ganz offen und laut, was du in deinem Herzen versteckst, wovor du seit deiner Geburt, als du hierzulande deine Natur aufgegeben hast, Angst hast. Vielleicht hast du es davor auch schon mal getan, aber es fühlt sich auf der Straße mit Tausenden Menschen ganz anders an. Es ist halt gefährlich, aber es lohnt sich, glaub’ mir. Wir gehen heute Abend hin, wenn du noch mitkommen möchtest. Heute ist ein Sitzstreik. Das heißt, wir bleiben dort bis wir unsere Aufforderungen bekommen!“

Nach diesen Worten konnte ich gar nicht zu Hause bleiben. Ich wollte einerseits meine Neugier stillen, andererseits aber auch wirklich aktiv mitmachen.

Als alle Menschen vor den blinden Kugeln die Flucht ergriffen, haben mein Freund und ich unterschiedliche Wege eingeschlagen und wollten uns wieder bei mir Zuhause treffen. „Pass auf dich auf! Wir treffen uns gleich bei dir! Ich melde mich!“ – sagte er zu mir.

Vielleicht hat er sich bei irgendeinem Bekannten von ihm versteckt, um abzuwarten, bis die Situation sich beruhigt?

Die ersten Sonnenstrahlen berühren meinen von der schlaflosen und sorgenvollen Nacht getrübten Blick. 

„Der Junge hat sich noch nicht gemeldet“, geht mir ununterbrochen durch den Kopf. Ich habe die ganze Nacht am Telefon gehangen und habe fast alle Freunde, Verwandten und Bekannten gefragt, ob sie ihn gesehen hätten. Manche haben sogar dementiert, dass sie ihn überhaupt kennen! Klar, Angst macht alles.

Ich komme auf die Straße. Die Menschen flüstern einender zu, dass rund 150 Demonstranten gestern ums Leben gekommen und viele verhaftet worden seien.

Ich frage mich: „Ist der Arme jetzt unter den Toten oder den Häftlingen?!“

Er hatte mir vor der Demo gesagt: „Es ist auf jeden Fall besser, getötet als festgenommen zu werden. Denn im zweiten Fall wird man in den dunklen Kellern bis zum Tode gefoltert. Es würde auch nichts bringen, wenn man seine Freunde verraten würde. Man wünscht sich einfach den Tod, um sich vom Leiden und von der Qual zu entledigen.“

Die Regierung bezeichnet alle ihre Dissidenten als Terroristen, Landesverräter und Mitverschwörer, die Geld von feindlichen Ländern bekommen haben, um gegen das Regime zu demonstrieren.

Drei Monate später:

Wir wissen immer noch nichts über unseren Freund! Man darf selbstverständlich über ihn nirgendwo fragen, sonst würde man sofort das nächste Opfer der Inhaftierungsmaschine. Viele sind mittlerweile vermisst. Tausende sind getötet.

Die Situation im Land ist nicht mehr so wie damals. Die Demonstrationen sind jetzt ein tagtägliches Ereignis, der Tod aber auch. Nach der gewaltsamen Reaktion der Regierung auf die Proteste möchte fast keiner mehr das Regime beibehalten. Die Sprache der Vernunft hat keinen Platz mehr. Die Menschen glauben den Machthabern, ihren Reformversuchen und ihren Medien gar nicht. Die Mehrheit der damals friedlich demonstrierenden Rebellen ist jetzt für die Bewaffnung der Revolution, da sie keine Hoffnung mehr sehen, friedlich etwas zu ändern, wie wir damals gedacht haben.

Beim Versuch, die Gebiete wieder in die Kontrolle zu bekommen beginnen die Städte, durch Raketen und Luftangriffe seitens der staatlichen Streitkräfte zerstört zu werden. Alles sieht anders aus, als wir es uns gewünscht haben. Wir haben von der Freiheit und der Demokratie geträumt. Nun sehen wir, dass unser junger Traum mit dem ganzen Land zu Trümmern wird. Ein junger Traum – wie ein ungeborenes Kind, das keine Chance bekommt, das Licht der Welt zu erblicken, geschweige denn aufzuwachsen.

Das alles nur deshalb, weil die Menschen nach 40 Jahren gegen die Diktatur vorgegangen sind. Das alles, weil die Regierung die Demonstranten voller Sturheit und Gewalt unterdrücken wollte.

Wäre mein Freund immer noch dabei, würde er sich gar nicht freuen. „Syrien muss zu einer Demokratie werden, in der alle unter dem Rechtstaat die gleichen Chancen haben. Für diesen Staat müssen wir aber kämpfen. Diese Regierung wird uns die Freiheit und die Demokratie nicht umsonst schenken, Bruder! Samer, wir haben als Zivilgesellschaft die Verantwortung dafür, mit allen möglichen friedlichen Mitteln gegen die Brutalität der Regierung zu kämpfen“, würde er voller Überzeugung von sich gegeben.

Nun, um sich herum blickend, könnte ich ihm aber leider nur eins antworten: Dass aus unserem friedlichen Kampf ein Völkermord gemacht wurde. Dass der Tod jetzt das Land beherrscht – er ist in jeder Ecke. Dass sich alles in seiner Abwesenheit verändert hat. Dass unsere Freunde jetzt zu bewaffneten Kämpfern wurden, nachdem sie die Enttäuschung geschluckt hatten. Dass man in ihren Gesichtern die Mutlosigkeit klipp und klar lesen kann. Dass sein Haus vernichtet wurde, aber seine Mutter auf ihn immer noch dort wartet. Eines Tages, wenn er wieder da wäre, würde ich ihm das alles erzählen.

Nach sieben Jahren: Seit Mitte 2018 bekommen die Angehörigen vieler Häftlinge kleine Zettel nach Hause geschickt, dass diese im Knast spontan verstorben seien. Die Eltern meines Freundes haben einen solchen schwarzen Zettel auch bekommen. Darauf steht sein Name, die Nummer seiner Leiche und das Datum seines Todes (2013).

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