Staub

Ich sehe nur Staub. Und selbst dann, wenn ich die Augen zumache, spüre ich ihn auf meiner Haut, rieche ihn. Arzt zu werden war mein Kindheitstraum. Dieser Traum ist nun vom Staub umzingelt.

Die Sehnsucht nach den alten Zeiten packt mich immer wieder, greift nach meinen Gedanken und bohrt sich schmerzhaft in mein Herz.

In diesem Klinikum hatten wir viele Seelen gerettet, selbst als wir an einem sehr starken Mangel an Materialen litten. Wir waren Hände und Rückenstützen von all den armen Menschen, die uns brauchten. Wir haben uns verantwortlich gefühlt.

Dieses Klinikum war nicht nur mein Arbeitsplatz. Es war auch mein Zuhause, wo ich mich immer wohl gefühlt habe.

Als ich Medizinstudent war, hatte ich es mir nicht einmal im schlimmsten Alptraum vorstellen können, dass ich eines Tages selbst unter Schmerzen leiden und um Hilfe schreien werde!

Die Stimme eines Kindes dreht sich in meinem Kopf: “Herr Doktor, werd‘ ich am Leben bleiben? Hast du meinen Vater gesehen? Wo ist denn meine Mutter?“

Was auf der Welt hätte es gegeben, um all seine Fragen mit einem ehrlichen, aufrichtigen „Ja“ beantworten zu können? Ich schaute in seine Augen, versank darin und schrie innerlich vor der eigenen Hilflosigkeit in Anbetracht der Ungerechtigkeit. Der Junge war der einzige Überlebende aus seiner Familie nach einem Luftangriff.

Nun bin ich selbst in dieser Situation. Ich bin alleine hier – seelenalleine, umgeben von Staub und Asche, inmitten eines wohl größten Mahnmals an einen verlorenen Kampf… In diesen Kampf waren wir alle verwickelt und haben ihn bis zum Schluss auf Seiten verletzter, kranker, bedürftiger Menschen geführt. Es war ein Kampf für die Menschlichkeit, für unsere Zukunft und unsere Träume…

Der Staub lichtet sich allmählich. Langsam sehe ich meine Kollegen um mich herum liegen. Ich versuche es, mich in ihre Richtung zu bewegen. Es geht nicht…

Ruhe… Es ist so still, als wäre die gesamte Stadt gerade ausgelöscht worden, als wäre nichts mehr da. Man hört einfach gar nichts und sieht nur Trümmer.

Nachdem ich meine Eltern in meiner Heimatstadt zurückließ, habe ich mit meiner Mutter jeden Tag telefoniert. Doch seit ein paar Tagen funktioniert nichts mehr. Meine Familie war immer stolz auf mich und darauf, was ich tue, obwohl meine Mutter mich nur schweren Herzens gehen ließ, weil sie wusste, welche Gefahren meine Arbeit birgt.

Ein Arzt kann sich selbst nicht heilen! Das verstehe ich erst jetzt. Zuvor habe ich darüber nie nachgedacht!

Grau… Als Ärzte waren wir immer neutral. Für uns gab es keine Gegenlager, keine Feindesgruppierungen. Für uns gab es nur Menschen – Menschen, die uns brauchten. Das blinde Feuer des Krieges traf uns trotzdem – genauso wie es den Jungen und seine Familie traf.

„Das Ende kann aber jetzt nicht kommen! Es ist kein Ende! Ich bin meinen Weg noch nicht zu Ende gegangen.“ Ich spüre wie sich ein Widerstand in mir aufbäumt. „Ist nicht einmal aus dem Staub Leben entstanden? Aus einem einzigen Staubkörnchen sogar?“

Ich versuche wieder, meine Mutter anzurufen. Vergeblich… Ich fühle mich zu schwach, um den Gedanken zu Ende zu führen. Es kommt mir so vor, als würden meine Kräfte im Moment nicht einmal ausreichen, um zu hoffen, dass auf der anderen Seite der Leitung die vertraute, liebevolle Stimme meiner Mutter meinen Namen ausspricht. Ich lasse das Telefon aus der Hand gleiten und sehe zu, wie es in den Staub am Boden fällt.

07.10.2017

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