Die salzige Heimat

Der Sonnenschein, der von der Gebärmutter der Dunkelheit geboren wurde, schlich durch das Fenster seines Zimmers hinein, nachdem die schlimmste Nacht vorbei war. Sie war ganz anders als die normalen Nächte, weil er nicht schlief. Er begrüßte den Morgen und hoffte, während des Sonnenaufgangs Antworten auf seine Fragen zu finden. Die Fragen, mit denen er sich in der letzten Nacht verausgabte und auf die er jedes Mal eine Antwort zu finden glaubte, hatten in Wirklichkeit jedoch keine Chance, beantwortet zu werden, denn die gefundenen Antworten ließen neue Fragezeichen und Zweifel entstehen.

„Ist das schon wieder Heimweh?” – fragte er sich. „Habe ich mich an das neue Leben noch nicht gewöhnt? Wurde es mir aufgezwungen? Wie kann ich meine tiefe Vergangenheit ausblenden und sie in die Täler der Vergessenheit verbannen? Wie kann ich weiterleben, obwohl es eine Hand gibt, die mich nach hinten zurückzieht? Die Lösung dafür habe ich noch nicht gefunden!“

Ein neuer Tag voller Lüge begann und er musste “wie immer” die Freude vortäuschen, dass seine Situation nicht elend sei. Der Wecker klingelte und störte, war jedoch überflüssig, da er in der vergangenen Nacht seine Augen eh nicht schloss. Die Morgenbrise verlieh ihm Lust auf den Schlaf und er schlief ein. Er ging weit weg und sah alles heller. Das Schwarze wurde grau. Der Schlaf brachte ihn in den Himmel, brachte ihm ein unglaubliches Gefühl, dort zu sein, wo seine Heimat ist, wo er sein Leiden vergessen und wo er seinen Unsterblichkeitsglauben wiederfinden konnte.

Als er aufwachte kam es ihm vor, als würde sich die ganze Welt bewegen, außer ihm selbst. Er ging zur Küste, wo er das sagen konnte, was er wollte, wo er die Wörter nicht wählen musste, wo man ihn verstand, sogar wenn er kein Wort sprach. Er stand am Strand und schrie in die Ferne: “Rosenroter Hafen, dort, sag mir, welches Schiff dich erreichen kann?“ Aber leider zeigte sich das Meer im Gewand seiner Endlosigkeit und der Hafen schien so weit, dass die Schiffe ermüden und verloren gehen würden, ehe sie dort eintreffen. Kein Anker wird dort geworfen werden können, wo das Schiff des Krieges verankerte.

Er wollte tanzen wie “Zorba”, über den er einmal gelesen hatte. Er wünschte, dass das Meer sich in einen echten Weg verwandeln würde. Er wünschte, dass er bis zum Ufer schwimmen könnte. Selbst endloses, ungeheuer anstrengendes Schwimmen würde er lieber in Kauf nehmen, als die derzeitige Situation weiterhin zu ertragen.

In seinem Zimmer schaute er seine Bücher und Hefte durch. Aus einem Heft fielen auf einmal lose Blätter herunter. Es waren seine Liebesbriefe, die noch nicht geschickt wurden – geschrieben an das Mädchen, dem er sein Herz vergeben hatte. Nun lebt sie hinter den Grenzen. Zwischen ihnen liegen Tausende von Träumen und ein Krieg. Unglücklicherweise ist der Krieg jedoch stärker. Kein Briefträger arbeitet in der Zeit des Kriegs.

Er hat sie nicht gesehen, seitdem er seine Heimat verließ. Sie wuchsen zusammen auf und waren zu dritt in der Liebe – er, sie und die Heimat.

Bild: Adnan Ahmad

Er hatte keine Ahnung, ob er gehen müssen oder bleiben wird, ohne einen Job finden und sein Studium fortsetzen zu können. Seine Tage flossen so schnell, dass er etwas tun musste. Die Frage, zu gehen oder zu bleiben, drängte sich immer mehr in seinen Alltag.

Er brauchte nicht so viele Sachen. Er packte nur seine Briefe und ein paar andere Papiere ein, wollte auch die Bücher mitnehmen, aber eine raue Männerstimme teilte ihm unmissverständlich mit, keinen extra Platz für „diese entbehrlichen Dinge“ zu haben.

Die Reise sollte in drei Stunden starten, aber so richtig dafür entschieden hatte er sich noch nicht, zumindest fühlte er sich so. Er trug seinen Koffer heraus und stand nun vor der Tür seines Zimmers wie jemand, der vor dem Tor in die Hölle steht. „Wo gehe ich hin? In die Fremdheit? Ins Exil?“ Seine Heimat blieb hinter ihm und nun hatte er einen langwierigen Weg vor sich. Wie die Geister liefen sie in der Nacht bis zur Küste. Die

Reisenden waren sieben Personen, die mit einem kleinen Fischerboot in ein Land wollten, das ihnen eine Zukunft bot. Sie gingen…

“Meine Heimat – meine Mutter, du bist die Liebe, die Seele und der Körper. Mein kaltes Ertrinken erinnert mich, wie warm es in deinem Schoße war. Der Himmel ist dein Körper. Die Welt ist deine Krücke. Du bist unsterblich, die ewige Hauptstadt der Äonen, ein Roman über Tausende von Jahren, unvergängliche epische Sinfonie, Heimat für diejenigen, die keine Heimat haben, deine Grenzen sind die Sonne und der Himmel, der über dem Himmel ist. Vergib mir…”

Er sah seine Briefe auf dem Wasser, hörte kein Geschrei mehr von den anderen und sah, wie die Sonne aufgeht…in dem traurigen Osten. Er weinte: “Rosenroter Hafen, dort, sag mir, welches Schiff dich erreichen kann?“ Es kam ihm vor, als würde er ertrinken, genauso wie seine Heimat: „Wer weinte all diese Tränen?” Er blickte zur aufgehenden Sonne hoch: „Meine Heimat, während meiner Reise werde ich immer wieder nach dir schauen.“

September 2015

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