Es ist zu eng hier

Ich liege zwar immer noch in meinem Bett und die Sonne ist noch nicht aufgegangen, es ist aber verdammt eng geworden. Die Luft geht auch langsam aus. Ich blicke mich um und sehe nur Staub! Es ist so staubig, dass ich kaum etwas sehen kann. Könnte es sein, dass meine Eltern meinen Geburtstag diesmal anders feiern wollten? Wäre das die Überraschung, die meine Mama mir versprochen hat? Warum ist es denn so still? Und wo sind die Ballons und die zehn Kerzen? Aber ich denke, mein Geburtstag ist doch im Sommer!

Mein Bein tut weh. Ich versuche, es zu berühren, ich spüre da lediglich nichts. Ich kann es auch nicht einmal bewegen! Ich träume grade, bestimmt! Unter meinem Bett habe ich mein schönstes und teuerstes Spielzeug versteckt. Ich kann es jetzt nun irgendwie nicht ergreifen.

Das ist ein schwarzer BMW, den ich immer haben wollte. Ich habe mir gestern gewünscht, dass er auf einmal zu einem echten schwarzen BMW wird, eben sich zu einem großen Auto verwandelt, wie das meines Onkels, damit ich mit meinen Eltern weit weg fahren kann. Ich möchte einen Ausflug mit meiner Familie haben, wo es ruhig ist. Ich habe von meinem Vater mehrmals gehört, dass es auch ruhige Orte auf der Welt gibt, die sind aber sehr weit. Also wir müssen wirklich viele Kilometer fahren, damit wir Ruhe für unseren Ausflug finden. 

Photo: Lydia Waldmann

Es ist zu eng hier. Der Staub verbleicht bloß langsam nach und nach. So kann ich erst sehen, dass mein Zimmer gar nicht ordentlich ist. Es ist sogar kaum zu erkennen. Das wird bestimmt meine Mama ärgern. Ich suche liegend meine Schultasche mit meinen Augen. Sie war sicherlich irgendwo in der Nähe, als ich geschlafen habe, da ich vor dem Schlaf etwas gezeichnet habe, und zwar das Meer. Ich habe das Meer nie gesehen. Nur im Fernsehen, als wir noch Strom hatten, aber meine Tante hasst das Meer sehr, weil ihr Sohn lebt jetzt im Himmel, nachdem er durchs Meer reisen wollte, und dann ist er in den Himmel gegangen. Wie kann ich jetzt bloß morgen zur Schule gehen, wenn ich meine Tasche nicht finde?! Aber das ist mir doch eh lieber, denn ich kann länger schlafen. Ich habe morgen in der ersten Stunde Erdurkundeunterricht und das finde ich sehr langweilig. Was lernen wir da? Wie viele Menschen auf der Welt leben? Wie viele Flüsse, Meere und Berge es gibt? Wie die Hauptstädte heißen? Was bringt uns das alles, wenn sie so weit weg sind? Sehr weit! Wir lernen auch, wie man die Karte unseres Landes zeichnet. Da muss man richtig aufpassen, wenn man die Grenzen malt, denn sie sind die Grenzen eines Krieges! Die Grenzen einer Hölle! Die Grenzen unseres Leidens, die wir nicht überschreiten dürfen, damit wir hier still sterben, ohne die Nachbarn zu stören! 

Meinen Bruder kann ich gerade auch nirgendwo blicken. Er ist zwar noch kleiner als ich aber schleicht sich häufig nachts aus seinem Bett hinaus ins Schlafzimmer meiner Eltern. Wir haben gestern zusammen zum Abend gegessen und mein Papa sagte uns, dass er uns morgen zum Fußballplatz nehmen will, wie wir wollten, und deshalb haben wir gestern den Ball und die Schuhe vorbereitet, natürlich auch die Trikots, ich Ronaldo und er Messi!

Es ist eng hier und ich will meine Mama. Ich rufe: „Mama, Mama!“ Ich höre meine Stimme selbst nicht! Ich versuche es nochmal lauter: „Mamaaaaa!“ Nein, ich höre mich nicht. Kann es sein, dass meine Mama mich trotzdem hört? Ich habe sie einmal gefragt: „Wie weißt du, dass ich krank bin, ohne dass ich dir das sage?“ Ich hasse Medikamente, deshalb sag ich nie, dass es mir nicht gut geht. Sie antwortete: „Ich fühle das mit! Und wenn es dir nicht gut geht, geht es mir auch nicht gut“ Aber wo bleibt sie jetzt? Mir geht es jetzt nicht gut und ich möchte hier raus. Und wenn sie mich hört, warum kommt sie nicht zu mir? Wie kann sie auch kommen, und von wo? Es ist zu eng und sie schafft es nie, hineinzukommen. Ich bin viel kleiner als sie und schaffe es trotzdem nicht hinaus. Hier ist die Tür nicht einmal mehr da. Das Fenster auch nicht. Keine Wände und kein Dach. Alles wurde, mit uns, dem Boden gleichgemacht. Aber mein Vater wird mich bestimmt raus holen! Bestimmt!

Es ist zu dunkel hier geworden und es fühlt sich zu einsam an. Die Einsamkeit kennen wir schon, nämlich das Gefühl, von der ganzen Menschheit enttäuscht und im Stich gelassen zu sein. Das ist auch eine Art Einsamkeit. Es fühlt sich hier nun gerade viel schlimmer an, als ob ich der einzige Lebende auf dieser Welt bin. Ich möchte nur raus von hier. Hier ist es zu eng, unter diesen Steinen und es riecht nur nach Beton und Blut. Ich sehe bestimmt jetzt nicht cool aus und werde gleich, wenn man meine Bilder im Internet sieht, die Menschen nerven Sie werden im Idealfall ein trauriges Gesicht machen und weiterscrollen. Ach, und vielleicht wenn sie in dem Moment am Essen wären, klauen ihnen meine Bilder den Appetit.

Es ist zu eng, zu still und dunkel. Ich habe Angst und möchte wirklich nur raus hier. Ich möchte zu meinen Eltern, die es wahrscheinlich nicht mehr gibt.

Ich fange an zu weinen, während sich etwas bewegt. Es wird wieder staubig, ich huste. Es wird langsam heller und da kommt eine Männerstimme durch die Trümmer: „Hey Junge! Da, hörst du mich?“ Und es war zu meiner Enttäuschung nicht die Stimme meines Vaters.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: